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Positive Bilanz des „InnoTrans“-Besuchs: Fünf Perspektiven für ein neues Schienencluster im „Rheinischen Revier“

Welche Rolle kann das heutige RWE-Werksbahnnetz nach dem Ende der Braunkohle für die wirtschaftliche und verkehrliche Entwicklung des Rheinischen Reviers spielen? Mit dieser Frage haben sich Dr. Martin Mertens, Bürgermeister der Gemeinde Rommerskirchen, sowie David Bongartz, Abteilungsleiter für Regionalentwicklung, und Andreas Eichhorn, Projektmanager Infrastruktur der „Zukunftsagentur Rheinisches Revier“ (ZRR) bei ihrem gemeinsamen Besuch der „InnoTrans“ in Berlin intensiv beschäftigt.

Die gemeinsame Erkenntnis nach zahlreichen Gesprächen auf der internationalen Leitmesse für Verkehrstechnik: Das RWE-Werksbahnnetz sollte nicht lediglich als Infrastruktur betrachtet werden, für die nach dem Ende des Braunkohleverkehrs eine Anschlussnutzung gesucht wird. „Vielmehr bietet es die Chance, zu einem wichtigen infrastrukturellen Rückgrat des Strukturwandels und eines neuen Schienenclusters Rheinisches Revier zu werden“, so Mertens wörtlich.

Das Potenzial ist erheblich. Das RWE-Werksbahnnetz umfasst rund 300 Kilometer und liegt zwischen den großen Verkehrsräumen Köln, Aachen und Düsseldorf sowie in unmittelbarer Nähe bedeutender europäischer Eisenbahnkorridore. RWE Power prüft bereits gemeinsam mit „DB InfraGO“, der „Häfen und Güterverkehr Köln“ (HGK), den „Neuss-Düsseldorfer Häfen“ und der „R.A.T.H.-Gruppe“ Möglichkeiten einer künftigen öffentlichen Nutzung.

„Wir sollten diese Infrastruktur nicht Strecke für Strecke und Nutzung für Nutzung betrachten. Auf der ,InnoTrans‘ ist noch einmal sehr deutlich geworden, welches Potenzial entsteht, wenn wir die unterschiedlichen Möglichkeiten miteinander verbinden“, erklärt Bürgermeister Martin Mertens. „Das ,Rheinische Revier‘ könnte hier über eine Infrastruktur verfügen, die es in dieser Form kaum ein zweites Mal gibt. Jetzt geht es darum, daraus ein gemeinsames strategisches Konzept zu entwickeln.“

 

Fünf Dimensionen für die Zukunft des Werksbahnnetzes

Aus den Gesprächen auf der InnoTrans haben die Vertreter fünf zentrale Handlungsfelder identifiziert.

1. Überregionaler und internationaler Güterverkehr

Teile des Werksbahnnetzes könnten perspektivisch eine Rolle bei einer westlichen Umfahrung des stark beanspruchten Eisenbahnknotens Köln spielen. Von besonderem Interesse ist dabei die Verbindung der großen Seehäfen in den Niederlanden und Belgien mit den Wirtschaftsräumen in Süddeutschland. Eine Achse über Venlo, Mönchengladbach und den Raum Rommerskirchen könnte dabei gemeinsam mit dem RWE-Netz auf ihr Potenzial für zusätzliche Güterverkehrsrelationen untersucht werden.

2. Schienenanschlüsse für die neuen Gewerbe- und Industrieflächen des Strukturwandels

Zahlreiche Flächen entlang des heutigen Werksbahnnetzes werden in den kommenden Jahren einer neuen wirtschaftlichen Nutzung zugeführt. Ein Beispiel ist der „Kraftpark Rommerskirchen“, der bereits über Anschlüsse an das RWE-Werksbahnnetz verfügt. Bei der Ansiedlung neuer Unternehmen sollte deshalb künftig die Schienenlogistik von Beginn an mitgedacht werden. Unternehmen, die größere Gütermengen über die Schiene transportieren, könnten von solchen Standorten besonders profitieren – und gleichzeitig für eine dauerhafte Nutzung der vorhandenen Infrastruktur sorgen.

3. Werkstätten, Instandhaltung und Schienenfahrzeugindustrie

Das „Rheinische Revier“ verfügt bereits heute über Kompetenzen rund um Schienenfahrzeuge. Diese könnten gezielt weiterentwickelt werden. Neben bestehenden Einrichtungen sind weitere Werkstätten, Abstellanlagen, Instandhaltungsstandorte oder Unternehmen aus der Schienenfahrzeugtechnik denkbar. Aus dem ehemaligen Braunkohlerevier könnte damit schrittweise ein Standort für industrielle Wertschöpfung rund um die Bahn entstehen.

4. Test- und Erprobungsstrecken

Ein weiterer Ansatz entstand unmittelbar aus den Gesprächen mit Fachleuten auf der „InnoTrans“: Entwicklung, Zulassung und Inbetriebnahme neuer Schienenfahrzeuge erfordern geeignete Test-Infrastruktur. Mit dem Prüf- und Validationcenter von „Siemens Mobility“ in Wegberg-Wildenrath befindet sich bereits eines der weltweit größten und modernsten Prüfzentren für Schienenfahrzeuge in der Region. Die dortige Infrastruktur umfasst unter anderem rund 30 Kilometer Gleise und zwei Testringe.

Geprüft werden soll deshalb, ob einzelne längere Abschnitte des RWE-Netzes – beispielsweise Teile der Hambachbahn – künftig ergänzende Testmöglichkeiten mit anderen technischen Eigenschaften bieten könnten. Dabei geht es nicht um Konkurrenz zu bestehenden Einrichtungen, sondern um die Frage, ob sich im Rheinischen Revier ein zusammenhängendes Ökosystem aus Entwicklung, Fahrzeugbau, Instandhaltung, Erprobung und Zulassung etablieren lässt.

5. Schienenpersonennahverkehr
Schließlich bietet das Netz Chancen für die Mobilität der Menschen im „Rheinischen Revier“. Neue Gewerbe- und Industriegebiete könnten über die Schiene an Wohnorte und bestehende Bahnknoten angebunden werden. Gleichzeitig soll untersucht werden, ob frühere Verbindungen in neuer Form wiederhergestellt und bestehende SPNV-Netze besser miteinander verknüpft werden können. Denkbare Untersuchungsräume reichen dabei unter anderem von Rommerskirchen in Richtung der westlich gelegenen Strukturwandelräume bis in den Bereich Bedburg und Elsdorf.

Aus fünf Ideen sollen fünf Arbeitsprogramme werden

„Unser Ziel muss jetzt sein, diese fünf Perspektiven mit Zahlen, Strecken, Unternehmen und konkreten Projekten zu hinterlegen“, sind sich Mertens, Bongartz und Eichhorn einig. „Die ,InnoTrans‘ war dafür ein wichtiger Impuls. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit.“

In den kommenden Wochen sollen deshalb weitere Gespräche mit Fachleuten, Unternehmen, Verkehrsunternehmen, Infrastrukturbetreibern und weiteren Akteuren des Strukturwandels geführt werden.

Noch im November beziehungsweise spätestens im Dezember soll nach Möglichkeit ein gemeinsamer Fachtermin stattfinden, bei dem Experten aus den unterschiedlichen Bereichen zusammengebracht werden. Aus den fünf identifizierten Dimensionen sollen anschließend konkrete Arbeitsprogramme entstehen.

Im Mittelpunkt stehen dabei die Themen europäischer Güterverkehr und Westumfahrung Köln, Gewerbeflächen und regionale Schienenlogistik, Werkstätten und Schienenfahrzeugindustrie, Test- und Innovationsinfrastruktur sowie der Schienenpersonennahverkehr.

„Der Strukturwandel ist dann erfolgreich, wenn wir vorhandene Stärken des Reviers nicht einfach aufgeben, sondern daraus etwas Neues entwickeln“, erklärt Mertens. „Beim Werksbahnnetz haben wir genau diese Chance. Aus einer Infrastruktur, die über Jahrzehnte der Braunkohle gedient hat, kann eine Infrastruktur entstehen, die künftig Industrie, Innovation, Güterverkehr und Mobilität im gesamten Rheinischen Revier miteinander verbindet.“
Die drei Vertreter wollen die auf der „InnoTrans“ begonnenen Gespräche daher gemeinsam fortsetzen und die fünf Handlungsfelder in den kommenden Monaten weiter konkretisieren