Geht der Industrie der Strom aus? „Das hängt auch von zukünftigen Bundesregierungen ab“
Rommerskirchen/Bedburg/Köln. Bürgermeister Dr. Martin Mertens hat in seinem Kampf für mehr Versorgungssicherheit in Sachen Strom und für den schnellen Ausbau des Stromnetzes rund um Rommerskirchen und das „Rheinische Revier“ jetzt jede Menge Schützenhilfe erhalten: In „Westpol“ am vergangenen Sonntag warf der WDR die Frage auf: „Geht der Industrie der Strom aus?“. Konkret ging es um die Microsoft KI-Rechenzentren, die im „Rheinischen Revier“ für einen Aufschwung sorgen soll. „Doch der droht am Stromnetz zu scheitern“, so das Resümee des WDR.
Hier die Kernaussagen:
Agnes Heftberger, CEO Microsoft Deutschland & Österreich, die unter anderem in Bedburg und Grevenbroich große Rechenzentren bauen will, die einen Strombedarf wie eine kleine Stadt haben:
„Es ist schon irritierend, wenn man in einem Land unterwegs ist, das Industrieland ist, das an der Spitze mitspielen möchte, aber wo dann in Aussicht gestellt wird: Netzanschluss gibt es vielleicht in 20 Jahren. 2040 plus x.“
Sascha Solbach (SPD), Bürgermeister Bedburg:
„Uns geht tatsächlich unterwegs der Saft aus, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir haben ein Problem im Bereich der Netzanschlüsse“ und das gefährde jetzt die geplante Ansiedlung.
Auch Nicole Grünewald von der Industrie- und Handelskammer Köln findet die derzeitige Lage für ansiedlungswillige Unternehmen erschreckend:
„Wir fordern, seitdem der Kohleausstieg auf 2030 vorgezogen wurde, dass man uns die Strategie und den Zeitplan schickt. Jetzt sehen wir, dass es anscheinend keine Strategie oder zumindest keine plausible Strategie und auch keinen vernünftigen Zeitplan gab. Wir haben da kein Verständnis für, weil hier geht es um die Zukunft einer ganzen Region.“
Bürgermeister Dr. Martin Mertens hatte mehrfach (unter anderem in seinem „Brandbrief“ an Merz, Wüst, Reiche und Neubaur) auf die bestehende Problemlage hingewiesen: „Mir geht es um den Gap. Um die Zeit, die zwischen dem geplanten Kohleausstieg und der Versorgungssicherstellung aus anderen Quellen liegt“, bleibt er konsequent am Ball. Da versprechen weder die angedachten Gaskraftwerke (Fachleute gehen von mindestens fünf bis sieben Jahre aus, die es braucht, um sie auf Leistung zu bringen) noch der Offshore-Strom aus der Nordsee („Windader West“) wirkliche Hilfe.
Linus Dahm, Projektsprecher Offshore-Netzanbindungssysteme von „Amprion“, betonte auf Anfrage des Bürgermeisters: „In der aktuellen ,Netzentwicklungsplan Strom‘-Version sind für die beiden Rommerskirchen-Systeme die Zieljahre 2036 und 2037 vermerkt. In dem vorherigen Netzentwicklungsplan war noch 2034 ausgewiesen, dies wurde jedoch durch den ,Realitäts-Check‘ durch Bund und Netzbetreiber zeitlich etwas gestreckt, um Engpässe am Beschaffungsmarkt zu vermeiden und die Kosten des Netzausbaus in einem gesellschaftsverträglichen Rahmen zu halten. Nach jetzigem Stand kommen also ab 2036 und 2037 insgesamt vier Gigawatt in der Region an.“
Eine Ansage, die bei Martin Mertens nur Kopfschütteln auslöste: „2036 oder 2037 kommen vier Gigawatt Strom bei uns an. Genauso viel, wie spätestens 2033 durch den Wegfall der Kraftwerke Neurath und Niederaussem wegfallen“. Seine logische Frage an „Amprion“: „Ist im Laufe der Jahre eine Steigerung der Strommenge geplant?“
Die darauffolgende Antwort macht noch einmal die Problematik mehr als deutlich: „Da ist tatsächlich noch viel Zukunftsmusik drin. Eine relativ sichere Planung geht bis zu diesen Jahren. Tendenziell werden in der ,Netzentwicklungsplan Strom‘-Version für den Raum Niederzier und Sechtem Anfang der 2040er Jahre nochmal zweimal zwei Gigawatt erwähnt. Inwiefern diese (mit Blick auf die Änderungen in den vergangenen fünf Jahren) wirklich kommen, hängt sowohl vom realen Energiebedarf als auch zukünftigen Bundesregierungen ab“, schreibt Linus Dahm („Amprion“).
Stromnetz-Betreiber „Westnetz“ wiederum spricht von enormen Bedarfssteigerungen. Bei „Westpol“ hieß es: „Wann genau die Unternehmen, die sich im ,Rheinischen Revier‘ ansiedeln wollen, an das Stromnetz angeschlossen werden könnten, könne man pauschal nicht sagen. Man investiere allerdings umfangreich in den Ausbau und die Digitalisierung der Netze.“
Bürgermeister Dr. Mertens postuliert mit Nachdruck „Wir haben am Standort Neurath die große Chance, neue Industrie, KI, Rechenzentren und moderne Technologien anzusiedeln und damit Wertschöpfung und Arbeitsplätze für die kommenden Jahrzehnte zu schaffen. Klimaschutz, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Stärke sind keine Gegensätze. Im Gegenteil: Eine erfolgreiche Energiewende muss diese Ziele miteinander verbinden. Dafür brauchen wir eine Politik, die sich an den technischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Realitäten orientiert.“
2030, 2033, 2036 und jetzt eigentlich 2040 – das sind in seinen Augen Zeitangaben, die nicht wirklich weiterhelfen. „Sobald die Versorgungssicherheit ohne Kohle gewährleistet ist, können diese Kraftwerke abgeschaltet werden. Keinen Tag früher, keinen Tag später. Dafür aber, dass dieser Tag möglichst bald kommt, sollten alle endlich die Ärmel hochkrempeln und ranklotzen“, so Dr. Martin Mertens energisch.
Übrigens: „Microsoft“ sieht die Entwicklung bedingt gelassen: Wenn spätestens Mitte des kommenden Jahrzehnts der zugesagte Strom nicht fließt, bekomme man ja immerhin Entschädigungszahlungen der Bundesrepublik …
