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Amprion und seine „Windader West“: Echtes Ranklotzen statt Zahlenspielereien

Mit dem „Windenergie-auf-See-Gesetz“ hat die Bundesregierung Anfang 2023 die weiteren Rahmenbedingungen für den Ausbau der Offshore-Windparks festgeschrieben: Nach ihrem Willen sollen Windparks auf See so viel elektrische Leistung bereitstellen wie über 50 große Kohlekraftwerke. Die „Windader West“ ist dabei eines von vier Netzanbindungssystemen, die Nordsee-Windstrom in die Regionen bringen sollen, wo er dringend gebraucht wird.

„Das klingt ja gut. Aber auch hier geht es um den Gap. Um die Zeit, die zwischen dem geplanten Kohleausstieg und der Versorgungssicherstellung aus anderen Quellen liegt“, bleibt Rommerskirchens Bürgermeister Dr. Martin Mertens konsequent am Ball.

Es ist einfache Mathematik: Auf 2030 wurde von der schwarz-grünen Landesregierung der Ausstieg aus der Braunkohleverstromung vorgezogen. Eine Verlängerung bis 2033 scheint aktuell immer wahrscheinlicher. Doch erst drei Jahre später könnte Offshore-Strom helfen, die in der Region benötigten Energiemengen zu liefern.

Die RP/NGZ schrieb in dieser Woche über das Erdkabel, das zu diesem Zweck quer durch Rommerskirchen (von Norden nach Süden zumeist in Randlage des Gemeindegebietes; siehe Skizze) verlegt werden soll, und über den Konverter, der nahe des „Umspannwerkes Rommerskirchen“ (die Rede ist unter anderem von Neurath) errichtet werden soll. Dieser sei „nötig, um den Gleichstrom, der dort ab 2036 ankommen soll, in Wechselstrom umzuwandeln“.

Dabei muss die Ziel-Jahreszahl 2036 mit einem „wenn alles gut geht“ verknüpft werden. Dr. Martin Mertens zitiert hier Michael Stangel, bei „Westnetz“ Leiter der Region Westliches Rheinland. Der nannte bei einer Podiumsdiskussion im Bedburger Schloss die gestiegenen Lieferzeiten als das entscheidende Problem: Wartete man früher drei bis sechs Monate auf eine neue Trafo-Anlage, so dauert es heute drei bis fünf Jahre. „Also lassen sich auch für die ,Windader West‘ Verzögerungen nicht ausschließen.“

Gleiches gilt für den Bau der Gaskraftwerke: Auch hier vertraten die Fachleute im Bedburger Podium (RWE, „Westnetz“, Bundes-Wirtschaftsministerium) ganz klar die Auffassung, dass der Neubau eines Gaskraftwerks (von der Bebauungsplanung bis zur Inbetriebnahme) fünf bis sieben Jahre dauere. „Mögliche Lieferengpässe nicht mit eingerechnet“, so Mertens besorgt.

„Auch Netze entstehen nicht über Nacht. Genau deshalb darf man gesicherte Kraftwerksleistung nicht abschalten, bevor Netze, Speicher, neue gesicherte Erzeugungskapazitäten und die notwendigen Anschlüsse tatsächlich vorhanden sind“, macht Rommerskirchens Bürgermeister deutlich.

Für Mertens ist dabei die grundsätzliche Linie eindeutig: „Der Kohleausstieg ist richtig. Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist richtig. Und wir brauchen einen deutlich schnelleren Ausbau unserer Netze und Speicher. Aber all das muss in der Praxis auch funktionieren. Wir können nicht zuerst gesicherte Leistung abschalten und anschließend feststellen, dass Netze, Speicher und Ersatzkapazitäten noch nicht zur Verfügung stehen. Energiewende bedeutet nicht, möglichst schnell Kraftwerke abzuschalten, sondern eine sichere, bezahlbare und klimafreundliche Energieversorgung aufzubauen.“

Und er schließt an: „Wir können den Menschen nicht erklären, dass ihre Heimat mit immer weiteren Windenergieanlagen belastet werden soll, während gleichzeitig die notwendigen Netzkapazitäten fehlen, um neue Unternehmen anzuschließen und damit neue Arbeitsplätze im Strukturwandel zu schaffen. Erzeugung, Netze, Speicher und Verbrauch müssen gemeinsam gedacht werden. Genau das ist seit Monaten mein Thema.“

Der Strukturwandel sei zu wichtig für parteipolitische Schuldzuweisungen.
„Wir haben am Standort Neurath die große Chance, neue Industrie, KI, Rechenzentren und moderne Technologien anzusiedeln und damit Wertschöpfung und Arbeitsplätze für die kommenden Jahrzehnte zu schaffen. Klimaschutz, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Stärke sind keine Gegensätze. Im Gegenteil: Eine erfolgreiche Energiewende muss diese Ziele miteinander verbinden. Dafür brauchen wir eine Politik, die sich an den technischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Realitäten orientiert.“

2030, 2033, 2036 – das sind in seinen Augen Zeitangaben, die nicht wirklich weiterhelfen. „Sobald die Versorgungssicherheit ohne Kohle gewährleistet ist, können diese Kraftwerke abgeschaltet werden. Keinen Tag früher, keinen Tag später. Dafür aber, dass dieser Tag möglichst bald kommt, sollten alle endlich die Ärmel hochkrempeln und ranklotzen“, so Dr. Martin Mertens energisch.