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Ohne Strom kein Strukturwandel: „Das Handtuch auf dem Umspannwerk“

13.07.2026 | Pressemitteilung

Sascha Solbach, Bedburgs Bürgermeister, wartete mit einer netten Anekdote auf: Lars Kulik, inzwischen ehemaliges Vorstandsmitglied des RWE, wollte an seinem Privathaus eine 11-KW-Wallbox installieren. Es gab Leitungsprobleme. „Jetzt muss er mit fünf KW deutlich langsamer laden“, so der SPD-Politiker.

Bei dem ein oder anderen mag sich in diesem Fall das Bedauern in Grenzen halten. Doch hinter der Anekdote steht ein grundsätzliches und folgenreiches Problem: „Wir haben in der Region kein Strommengen-Problem, sondern ein Verteil-Problem“, machte Sascha Solbach bei der Veranstaltung „Ohne Strom kein Strukturwandel im Rheinischen Revier“, zu der die SPD-Fraktion im Kölner Regionalrat ins Bedburger Schloss geladen hatte, deutlich.

Rommerskirchens Bürgermeister Dr. Martin Mertens hatte im Mai ganz gezielt die Aufmerksamkeit auf diese Problematik gelenkt: Die Starterfläche am Kraftwerksstandort Neurath gilt als zentrales Zukunftsprojekt für die wirtschaftliche Entwicklung nach dem Kohleausstieg. Gemeinsam mit dem Land Nordrhein-Westfalen, dem RWE sowie weiteren Partnern wird dort im Rahmen der „Perspektive.Struktur.Wandel“-GmbH ein modernes Energie- und Gewerbeareal entwickelt. Ziel ist die Ansiedlung neuer Unternehmen und die Schaffung von mehreren tausend Arbeitsplätzen.

Doch ausgerechnet an einem der bedeutendsten Energiestandorte Nordrhein-Westfalens fehlt aktuell die wichtigste Grundlage: ausreichend Strom. „Die Situation ist kaum vermittelbar“, erklärt Bürgermeister Dr. Martin Mertens. „Wir sprechen über eine Fläche direkt neben einem der größten Kraftwerksstandorte Europas, in unmittelbarer Nähe zu Umspannwerken, Windenergieanlagen, Batteriespeichern und zukünftigen Energieinfrastrukturen – und gleichzeitig kann dort aktuell keine ausreichende Stromversorgung gewährleistet werden.“

Das Land Nordrhein-Westfalen und das RWE waren bei dem Versuch gescheitert, einem ansiedlungswilligen Unternehmen genügend Strom zuzusichern. Mehr als ein Megawatt „Baustellenstrom“ soll bis zum Anfang der 30er nicht möglich sein.

„Die planungsrechtlichen Grundlagen bestehen. Im nächsten Jahr könnte der Investor mit seinem Bau beginnen. 2028 könnte die Einweihung gefeiert. Strom gibt es aber erst ab 2035“, zeichnete Mertens die Absurdität der Situation nach.

Der Netzbetreiber „Westnetz“, im Podium der Veranstaltung gleich dreimal vertreten, kennt die Problematik. Er will eigenen Angaben nach 20 Milliarden Euro in den Netzausbau investieren: Kilometerweise neue Leitungstrassen, 35 Umspannwerke, mehrere Verknüpfungspunkte zu den Hochspannungsleitungen, Konverter und Trafostationen sind geplant. Einziges Problem: die Realisierung dauert zehn bis 15 Jahre.

Michael Stangel, bei „Westnetz“ Leiter der Region Westliches Rheinland, nannte als einen Grund die gestiegenen Lieferzeiten: Wartete man früher drei bis sechs Monate auf eine neue Trafo-Anlage, so dauert es heute drei bis fünf Jahre. „Wir haben ja beschlossen, diese Dinger nicht mehr selbst zu produzieren“, merkte Heinz Nüsser, Fachmann der „Decision Advisory Group“ aus Wien, süffisant an.

Letzterer machte deutlich, dass der „jammernde Blick in den Rückspiegel“ nicht weiterhelfen würde, dass „Anpacker-Mentalität“ gefordert sei. Er forderte Priorisierungstools, die Veröffentlichung „kapazitätslimitierter Gebiete“, die Einführung einer Reservierungsgebühr und die Möglichkeit, nicht genutzte Kontingente wieder zu verkaufen.

Heinz Nüsser nutzte das Beispiel der Handtücher, mit denen am Pool oder am Strand die Sonnenliegen früh morgens geblockt werden, auch wenn die Urlauber erst mittags kommen würden. „Bei den Umspannwerken, da liegen jede Menge Handtücher drauf“, formulierte er locker. Aktuell komme jede Anfrage nach Leitungskapazität auf eine Warteliste. Dabei wisse niemand, ob zum Beispiel das Projekt auf Platz 23 überhaupt noch spruchreif sei. Oder ob alle folgenden eigentlich aufrücken könnten.

Zudem erfolge der Eintrag in die Warteliste projektunabhängig: Das zusätzliche Windrad, das neue Wohngebiet, ein Stromspeicher-Prototyp und der Hyper-Scaler würden bei Nachfrage am Ende der Liste nachgetragen. Hier soll es zukünftig – und bei dieser Forderung bekam Nüsser viel Zustimmung von den SPD-Politikern – eine Priorisierung gemäß der regionalen Bedeutsamkeit geben.

Hinzukommt, dass die „Handtücher“ auch heute schon nicht immer oder komplett genutzt werden: 15 bis 20 Prozent der im Netz bereitgestellten Strommengen würden dann doch nicht abgerufen. Für Nüsser ein Unding. Er setzte sich dafür ein, diese Überkapazitäten an andere Nutzer weiterreichen zu können. Flexibilität könne über die ersten Jahren hinweghelfen.

Klartext kam auch von Lena Teschlade (MdL), Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion für das „Rheinische Revier“: „Wir sind fünf Jahre zu spät dran“, kritisierte sie in Richtung Berlin und Düsseldorf. Jetzt helfe es nur noch, „hemdsärmelig“ an die Aufgaben zu gehen, da die originären Strukturwandel-Aufgaben noch nicht wirklich angegangen worden seien. Die Umgestaltung eines Friedhofes, Quinoa-Versuchsfelder und die Sanierung von historischen Gebäuden seien ein „nice to have“, hätten mit dem Strukturwandel aber nichts zu tun. Ihre klare Forderung: „Wir dürfen das Geld nicht für ,nice to have‘ ausgeben, sondern müssen es in Zukunft investieren“.

Da bekam Teschlade volle Unterstützung von Bürgermeister Dr. Martin Mertens. Auch er monierte, dass „noch keine einzige Brücke, keine Straße, keine Stromleitung, keine Bahnlinie“ mit den für den Umbau der Wirtschaft bereitstehenden Mitteln finanziert worden sei. „Es fehlt an Gesamtstrategien. Von 2015 bis jetzt gab es nur viele Projekte, die nichts mit der Infrastruktur unserer eigentlich starken Region zu tun haben“, monierte er.

Von Berlin aus müssten jetzt die oben genannten Impulse kommen. „Wenn wir den Strukturwandel nicht schaffen, haben wir vor Ort auch ein soziales Problem“, warnte Mertens. Und meinte damit die Stimmabgabe bei den nächsten Wahlen am ganz extremen politischen Rand …