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St. Martinus Nettesheim

01.04.2026 | Pressemitteilung

Was hat es eigentlich mit Kirchengebäuden auf sich ? „Fertig“ werden sie, wie etwa der Kölner Dom, selten bis nie, ihre Renovierungen sind teuer und rein ökonomisch haben sie sich nie gerechnet, wie Monsignore Franz Josef Freericks, ehemaliger Pfarrer an St. Martinus, einmal anlässlich des „125-Jahr-Jubiläums“ der Pfarrkirche (wohlgemerkt in ihrer heutigen Gestalt) anmerkte. „Kirchengebäuden wohnt immer etwas Überflüssiges inne“ formulierte der Geistliche pointiert, was bei Kunst- und Kulturinteressierten, ob gläubig oder nicht, zunächst den Wunsch zum Widerspruch wecken dürfte.
Letztlich ist es aber nach wie vor die christliche Religion, die den Wesenskern der vielfach im Mittelalter entstandenen Gebäude ausmacht, die Franz Josef Freericks zufolge „einen Mantel für die Gläubigen“ und gleichsam eine „metaphysische Haut für die Seele“ bilden.
Kirchenbauten seien als „Kennzeichen des Göttlichen und damit des schlechthin Unverfügbaren“ das, was die „moderne Provokation unserer Kirche ausmacht“, brachte es der Geistliche seinerzeit auf den Punkt.

Um 1100 existierte in Nettesheim ein Fronhof des Kölner Stiftes St. Kunibert, zu dem St. Martinus wohl als Eigenkirche gehörte. Die örtliche Pfarrgemeinde wurde schon 1150 erstmals urkundlich erwähnt, für die Kirche ist dies im Jahr 1195 der Fall. Wie bei mittelalterlichen Kirchen vielfach üblich, prägen verschiedene Baustile das Gotteshaus: In der Blütezeit der Romanik entstanden, blieb von der ursprünglichen Kirche St. Martinus nur der romanische Turm erhalten. Die Untergeschosse des heutigen Westturmes stammen aus dem im 12. Jahrhundert, später kamen gotische und spätgotische Elemente hinzu, die das Bild der Kirche prägten. wurde dieser dem einige Jahrzehnte zuvor erfolgten Neubau des Innenraums angeglichen, womit St. Martinus im Wesentlichen seine heutige Gestalt erhielt, was 2010 Anlass war das „kleine“ 125-Jahr-Jubiläum zu feiern.

Von den in der Region tobenden Kriegen war die Kirche nicht verschont geblieben: Während der Belagerung von Neuss 1474/75 wurde St. Martinus schwer beschädigt. Das Langhaus wurde im Jahr 1515 zerstört, der Wiederaufbau dauerte 40 Jahre und vollendet wurde das Werk erst im 19.Jahrhundert.

1858 wurde der Chor der Kirche niedergelegt und das Langhaus im neugotischen Stil gestaltet und um einen neuen Chorraum erweitert. 1884 wurde nicht zuletzt der nach wie vor romanische Turm erhöht, der optisch als einziger Bestandteil an die ursprüngliche Kirche erinnert.

Prägend sind überdies für die Kirche heute drei Baustile, drei Kirchenschiffe und drei Eingänge.

Im Nettesheimer Kirchturm sind heute sechs Glocken untergebracht, und zwar die Jesus-, Maria-, Martinus-, Christkönig-, Josef- und Johannes der Täufer -Glocke. Die fast 150 Jahre alte Martinus-Glocke hängt im obersten Glockengeschoß in der obersten 3er-Reihe rechts.

In den 21 Pfarrkirchen übrigens haben allein St. Peter und Paul in Grevenbroich und St. Martinus in Nettesheim ein sechs-stimmiges Geläut.

Die Martinus-Glocke wurde von Christian Claren in Sieglar, anno 1872, gegossen. Sie trägt ein Relief der Heiligen Georg und Sebastian sowie die lateinische Inschrift : „Martin mit seinen Gefährten Georg, Sebastian, Schutzpatron der Pfarre, ich vertreibe das Schwierige weit weg.“

Auch eher Kurioses findet sich in Sr. Martinus: So zeugt ein Gemälde neben Maria und dem Jesuskind auch Johannes den Täufer – und zwar entgegen der biblischen Chronologie als Erwachsenen, obwohl er dem Lukas-Evangelium zufolge nur wenige Monate älter als Jesus war.

Nicht ganz komplett sind die Bilder der 14 Nothelfer, bei denen in Nettesheim der heilige Georg einfach fehlt.

Um das Interieur der Kirche hatte sich der von 1964 bis 2001 an St. Martinus wirkende Pfarrer Johannes Brendgen mit Hingabe gekümmert. Wobei der joviale und allseits beliebte Geistliche seine Vorstellungen zuweilen auch mit Nachdruck umsetzte, etwa bei der Anschaffung des neuen Altars, die er gegen den Widerstand des Kirchenvorstands „mit Händen und Füßen durchsetzte“, wie sich die kürzlich verstorbene, langjährige Organistin Gerti Goertz einmal erinnerte.
Eine schon fast an einen Streich von Don Camillo erinnernde Finte gelang ihm mit der Statue des Pfarrpatrons, die Johannes Brendgen dem Vernehmen nach in einer dem Bergbau zum Opfer fallenden Kirche in der Region sicherstellen konnte. Postiert ist die Statue des heiligen Martinus auf der rechten Seite der Kirche, links neben dem Altar. Genaueren Betrachtern wird jedoch nicht entgehen, dass sich hinter der Statue des heiligen Martinus eigentlich der heilige Nikolaus verbirgt: Die Halterungen für die einst vorhandenen drei goldenen Kugeln, die unzweideutig die (einstige) Identität des Nikolaus dies belegen, sind noch deutlich zu sehen. Gut „rheinisch-katholisch“ werden damit in St. Martinus gewissermaßen die beiden wohl beliebtesten Heiligen der Kirche gewürdigt.

Während beide gleichermaßen als Synonym für Nächstenliebe und Barmherzigkeit stehen, hat es beim heiligen Martinus jedoch eine ganze Weile gedauert, bis sich dieses Verständnis inzwischen konkurrenzlos durchgesetzt hat.

„Im Mittelalter wurden Heilige nicht ausgesucht, sondern es wurde die Frage bemüht: Welcher Heilige hat genug Power, um dafür zu sorgen, dass der Kirche nichts passiert“, sagte der amtierende Pfarrer Dr. Meik Schirpenbach einmal bei einer Kirchenführung.
Was die Popularität des heiligen Martinus bei den Franken, insbesondere deren Adelsschicht gerade für die Namenswahl von Kirchen ausmachte, war eher der populäre Soldatenheilige Martin als der seinen Mantel mit einem Better Teilende.
„Heute sagt man Heiliger der Nächstenliebe, als Vorbild für die Kinder. Jede Zeit interpretiert sich so ihren Martin“, sagte Meik Schirpenbach.